Elton Matlock (1973-1976)

TRIALSPORT Nr. 7(1976), S. 19.

Zum ersten Mal las ich im September 1976 in TRIALSPORT davon, daß in England tatsächlich Fahrrad-Trial gefahren wurde – und zwar ausgerechnet im Kielwasser von Mick Andrews! Ob es sich dabei nur um zwangloses Trainieren einiger Jungs handelte oder ob sie auch richtige Veranstaltungen machten, ging aus der Meldung in TRIALSPORT leider nicht hervor.

Ich hatte diese Meldung beinahe schon völlig vergessen gehabt, als ich mich über dreißig Jahre später, nachdem das Internetzeitalter neue Möglichkeiten eröffnet hatte, endlich daran machte, meine Homepage über die Geschichte des Fahrrad-Trials zu erstellen. Bei der Recherche fand ich nun auf der österreichischen Trialseite webermichl.at, die heute nicht mehr existiert, eine zusätzliche Information. Dort stand, daß Mick Andrews selbst, nachdem er ein Trial in seiner Umgebung gesehen hatte und daraufhin vollends begeistert war, in seinem Heimatdorf Elton Matlock zusammen mit Gleichgesinnten zunächst mit dem Fahrrad trialte!

aus http://webermichl.at_book_of_trials.htm/legends/andrews/andrews/ am 29.02.2008

Aus dem österreichischem Link war ersichtlich, daß diese Information aus dem 1976 erschienenen Buch von Tom Beesley: „The Mick Andrews Book of Trials“ stammte. Da ich das Buch nicht besaß, rief ich den Macher der Seite an, um zu erfragen, ob in dem Buch weitere Informationen über das Fahrrad-Trial enthalten waren. Das war aber nicht der Fall. Lediglich den Namen des Steinbruchs „Burycliffe“ (im Buch und deswegen auch bei meinem Vermerk auf dem Ausdruck ohne „e“ am Ende) konnte ich erfahren.

Ich beschloß, Mick Andrews anzurufen, um mehr über das Fahrrad-Trial in Elton Matlock und vielleicht auch in Großbritannien insgesamt zu erfahren. Zu meiner großen Überraschung sagte mir Mick 2008 am Telefon, daß er nie etwas mit Fahrrad-Trial zu tun gehabt hätte und von Anfang an Motorrad-Trial gefahren sei! Er begann zwar „erst“ 1959 (also mit 15) auf einer 197er James mit dem Motorrad-Trial – aber später konnte man in einem Interview bei retrotrials.com nachlesen, daß Mick schon 1958 mit einer selbst zusammengebauten Trial-James zur Schule gefahren (die Lehrer waren sauer!) und schon mit 12 – also 1956 – mit dem Motorrad seines Vaters auf irgendwelchen Feldwegen herumgefahren war (und dort eine Wende hinbekam, die seinem Vater nicht glückte)! 1 – Jedenfalls verliefen meine Nachforschungen zum Thema Elton Matlock erst einmal wieder im Sande.

Das Foto aus Burycliffe

42 Jahre nach der Information in TRIALSPORT im Jahr 1976 kam am 26. März 2018 plötzlich neue Bewegung in die Elton Matlock-Sache. Ein tolles Foto davon war auf Instagram zu sehen! Dem Fototext war zu entnehmen, daß das Bild offenbar schon 1973 aufgenommen wurde, also in dem Jahr, in dem Mick Andrews von Ossa zu Yamaha gewechselt war. Oben auf dem Foto ist Micks Yamaha zu sehen. Wann die Fahrrad-Aktivitäten in Elton Matlock, von denen TRIALSPORT 1976 berichtete, genau begonnen hatten und wie lange sie andauerten, ist nicht bekannt.

Foto Ron Duggins, zu sehen auf Instagram am 26.03.2018

Dafür sind dankenswerterweise durch die tatkräftige Mithilfe von John Stone in Elton, einem Cousin von Mick Andrews (die Mutter von John Stone ist die Schwester von Tom Andrews, dem Vater von Mick) nunmehr viele interessante Details über dieses tolle Foto bekannt. Aufgenommen wurde es von Ron Duggins, der Fotograf war und lange Zeit Bilder aus seinem geliebten Derbyshire für die regionalen Zeitungen lieferte. Er hatte sich mit Mick Andrews zu einem Fototermin in dem Steinbruch Burycliffe verabredet. Der in TRIALSPORT erwähnte „Fan-Club“ von Mick Andrews kam natürlich auch mit und die Kinder bauten eine kleine Sektion für ihre Fahrräder. Ich weiß nicht, ob sie für Ron Duggins die heimliche Attraktion bei diesem Fototermin waren, aber mit Sicherheit waren sie für ihn als Motiv hochwillkommen.

Ron Duggins hat den Aufnahmeort natürlich nach fotografischen Gesichtspunkten arrangiert. Die schroffen Felsen im Vorder- und die spektakuläre Felswand im Hintergrund waren kein Zufall. Das Sektionsschild steht als ein informatives Accessoire am unteren Rand des Bildes und sagt in zwei Worten aus, worum es hier geht. Oben in der Bildmitte die Werks-Yamaha von Mick Andrews. Dazwischen sind die Kinder wie auf einer Bühne am steilen Hang postiert. Mick konnte es natürlich nicht lassen, schnappte sich eines der Fahrräder und probierte eine Spur aus…

Man kann nur vermuten, daß Ron Duggins bei diesem Fototermin noch viele weitere Bilder aufgenommen hat. Jedenfalls erwischte er bei diesem Bild von Mick auf dem Fahrrad genau den Moment, als Mick das Vorderrad wegrutschte. Das Scheitern entlockt dem Topfahrer im Vordergrund ein überraschtes und verlegenes Lächeln. Auch die zusehenden Jungs und Mädchen reagieren lebhaft und man meint in ihren Gesichtern zu lesen: „Siehst du, mit dem Fahrrad ist das nämlich gar nicht so einfach!“ Ein tolles, beinahe geniales Foto von Ron Duggins, das mit Mick Andrews inmitten der Kinder und in wilder Szenerie nicht nur perfekt inszeniert ist, sondern zusätzlich durch das Mißgeschick von Mick eine heitere Spontaneität bekommt.

Umso erfreulicher ist, daß es John Stone gelungen ist, fast sämtliche Darsteller auf dem Bild aus ihrer Anonymität zu holen. Die Namen der Kinder oder Jugendlichen hinter Mick Andrews, die heute (2021) fast fünfzig Jahre älter sind als auf dem Foto, lauten von links nach rechts: Andrew Holmes (mit Kappe), Stephen „Sam“ Brownlee (halb verdeckt mit Stoffhut), John Buxton und Beverley Grimshaw (mit Schirmmütze); das nächste Kind im Hintergrund nahe des Vorderrads der Yamaha konnte nicht identifiziert werden. Dasselbe gilt für das Kind, das gerade den Hang hochklettert und nur von hinten zu sehen ist. Auf dem Sitz der Yamaha hockt Rosie Musgrave und ganz rechts mit der Wollmütze ist Peter Glossop zu sehen. John, Beverley und Peter leben immer noch in Elton. Auch Mick Andrews wohnte, von seinen Auslandsaufenthalten wegen der Arbeit für Ossa und für Yamaha abgesehen, immer in oder im Umfeld von Elton. 2

Stephen „Sam“ Brownlee

Kurz eingehen möchte ich auf Stephen „Sam“ Brownlee (1962-2020), der als einziger der auf dem Foto abgebildeten Jugendlichen bereits verstorben ist. 1969 war Stephen sieben Jahre alt, als er auf dem Nachhauseweg von der Schule aus einem Haus in Elton Motorenlärm hörte – den machte der damals 25jährige Mick Andrews, der an einer frühen Trial-Ossa schraubte. Irgendwann traute sich der kleine Stephen hinein – er war fasziniert von der Arbeit an dem Motorrad und durfte zugucken. Er kam immer öfter und regelmäßiger und es entstand eine Freundschaft zu Mick Andrews und seiner Frau Jill. Stephen wurde eine Art Lehrling bei Mick, er wurde mit kleineren Arbeiten betraut und half als Zehnjähriger, die Maschinen mit vorzubereiten, mit denen Mick zu den Europameisterschaftsläufen fuhr. Mick nannte Stephen jetzt „Sam“ – vielleicht in Anlehnung an Sammy Miller?

Als Mick Andrews 1973 von Ossa zu Yamaha ging, erhielt er vertragsgemäß zur Weiterentwicklung auch zwei Yamaha TY 80, die Nachwuchs zum Trial bringen sollten.

Bald ließ Mick die Kinder von Elton die neuen TY 80 fahren. (…) Viele glückliche Stunden wurden mit ihnen verbracht, um die TY 80 unter der meisterlichen Anleitung von Mick auf Herz und Nieren zu testen.“ 3

Man kann davon ausgehen, daß das auch die Fahrrad-Trialaktivitäten in Elton angekurbelt hat, obwohl hierzu nichts Näheres bekannt ist. „Sam“ jedenfalls fuhr 1974 mit zwölf Jahren sein erstes Motorrad-Trial – auf einer der Yamaha TY 80 – und wurde ein guter Motorrad-Trialer. Ab 1978 arbeitete „Sam“ zusammen mit John Shirt in Buxton, einem alten Freund von Mick Andrews noch aus Motocross-Zeiten, an der Entwicklung der Majesty-Trialmotorräder, die auf der Basis nicht verkaufter Yamaha-Bestände entstanden. „Sam“ brachte in dieses Projekt seine Yamaha-Erfahrung und neue Ideen von Mick Andrews mit ein. Näheres zur Majesty-Geschichte kann man in dem englischsprachigen Artikel über Stephen „Sam“ Brownlee nachlesen, aus dem das vorgenannte Zitat stammt.

Die Fahrrad-Trialer in Elton

Inzwischen liegt mir der Originaltext der Stelle in dem Trialbuch über Mick Andrews vor, die Webermichl wiedergegeben hatte und in der das Fahrrad-Trialfahren in Burycliffe erwähnt wird. Übersetzt heißt es dort wörtlich: „vor fast zwanzig Jahren“ – also vermutlich 1957, da das Buch 1976 erschien – „besuchten er und sein Vater ein Trial in der Nähe ihres Heimatortes“ Elton Matlock in Derbyshire. „Und genau das war es! Trial war etwas völlig Neues für Mick“. Der damals etwa Dreizehnjährige „war sofort begeistert von der genauen Präzision, der langsameren Gangart und der Atmosphäre beim Trial. Direkt danach begannen er und seine heimischen Gefährten sich einfache Sektionen zu stecken und fuhren sie mit ihren Fahrrädern. Als einen ihrer Lieblingsplätze wählten sie einen aufgegebenen Steinbruch nahe Micks Heimatdorf Elton aus, das in Matlock Valley in Derbyshire liegt.“ Diese Phase dauerte aber wohl nur sehr kurz, da Mick mit 14 seine erste Trial-James zusammenbaute, also 1958. In dem Buch heißt es dann weiter: „Dieser Burycliff genannte Steinbruch sollte in späteren Jahren noch von großer Bedeutung für Mick werden, denn er wurde das Trainingsgelände, auf dem er viele Stunden beim Trainieren verbrachte (und immer noch verbringt) und einen großen Teil der Entwicklungsarbeit für das erste Trialmotorrad von Yamaha leistete.“ 4

Übrigens gibt es 500 m nordwestlich von Elton an der Cliff Lane einen Cliff Lane View genannten Aussichtspunkt, an dem eine Infotafel nicht nur auf die einstige Bedeutung des Steinbruchs Burycliffe für die Dorfbewohner von Elton hinweist, sondern stolz auch auf Mick Andrews: „Mick Andrews war in den frühen siebziger Jahren zweifacher Europameister im Trial und fünffacher Gewinner des Scottish Six Days Trial. Er wuchs in Elton auf, besuchte in Elton die Grundschule und entwickelte seine ersten Fähigkeiten als Trialfahrer hier im Steinbruch von Burycliffe. Er arbeitete in der Folge für zwei Motorradfirmen und entwickelte die Ossa MAR (Mick Andrews Replica) und die Yamaha TY.“

Die Fahrrad-Trialaktivitäten, auf die sich die Meldung in TRIALSPORT im Jahr 1976 bezog, hatten inzwischen Micks jüngerem Bruder Barry als Dreh- und Angelpunkt. Die Zeit war um fünfzehn Jahre vorangeschritten und das jetzige Fahrrad-Trial spielte sich vorwiegend nicht in Burycliffe ab, sondern unmittelbar im Dorf Elton auf einer Grasböschung, die heute nicht mehr existiert. Für das Foto mit Mick Andrews, das der Fotograf Ron Duggins aufnahm, wechselte man allerdings in den Steinbruch Burycliffe. Man organisierte in Elton keine „richtigen“ Fahrrad-Trials, sondern trialte einfach nur im kleinen Kreis zum Spaß miteinander. John Stone berichtete 2013 darüber in einem Artikel im lokalen ELTON ECHO, der die Wirkung beschrieb, die der Erfolg von Mick Andrews damals auf die Einwohner und vor allem auf die jungen Leute in Elton gehabt hatte. Man darf nicht vergessen, daß die motorradverrückten siebziger Jahre begonnen hatten! Ich übersetze den Artikel hier auszugsweise:

„Mick wuchs in Roseneath in der Hauptstraße (von Elton Matlock) auf und ging in Elton zur Schule. Schon als Kind beherrschte er verblüffende Kunststückchen mit seinem Fahrrad. Und als Tom, sein Vater, ihm sein erstes Motorrad (eine 197er James Trial) kaufte, gewann er schon bald regionale Trials und verdrehte den Leuten mit seinen Fähigkeiten den Kopf. Und zwar so sehr, daß er im zarten Alter von 16 Jahren von AJS unter Vertrag genommen wurde und eine nagelneue Werksmaschine erhielt (…) Kurz nach seinem 17. Geburtstag gewann Mick das Bemrose National Trial und verwies den legendären Sammy Miller, der damals als unschlagbar galt, auf den zweiten Platz. (…)

In den 1960er Jahren fuhr Mick Trial UND Motocross. Trial am Samstag und Motocross am Sonntag. In Burycliffe feilte er an seinen Fähigkeiten und abends bereitete er seine Motorräder in dem ehemaligen Chipsladen neben Roseneath vor. Meine Eltern packten mich immer und nahmen mich mit, um zu sehen, wie Mick Motocross-Rennen in Knifeton, Clifton, Bolsover, Mercaston und so weiter dominierte. Es war phantastisch anzusehen – das Zuschauer-Kontingent aus Elton glühte vor Stolz und traute seinen Augen nicht. Aber es war im Trial, wo Mick sich wirklich auszeichnete. Es ist eine Tatsache, daß Mick in sechs goldenen Jahren ab 1970 ohne Frage der beste Trialfahrer der Welt war. (…)

Aber zurück nach Elton in den 1960er Jahren, als Mick von seinem alten Chipsladen aus operierte. Jahrelang hatten die Kinder in Elton ihre Füße von der viel zu hohen Holzbank in dem Laden baumeln lassen und dienstags und freitags zur Teezeit ungeduldig darauf gewartet, daß Mr & Mrs Phillips bekanntgaben, daß das Fett jetzt endlich heiß genug war und daß die erste Portion Fish and Chips gleich fertig sein würde. Ein paar Jahre später schlenderte eine Gruppe von uns nun als Teenager an bestimmten Abenden in den einstigen Laden und tauschte die unvermeidlichen lebhaften Scherze mit Mick aus, während er und seine Helfer die Motorräder für die Herausforderungen des folgenden Wochenendes fertig machten. Jetzt roch es nach Öl und nicht mehr nach Chipsfett. Anstelle der einstigen Fritteusen waren nun Motorradteile, Räder und Reifen überall gestapelt. Wenn wir Glück hatten, testete Mick die Motorräder mit schnellen Wheelies die ganze Straße hinauf bis zum Platz. Das war fantastisch!

Auf unseren Fahrrädern waren wir Mick Andrews. Einige von uns kürzten ihre Schutzbleche oder entfernten sie ganz. Ein paar montierten auch breite Lenker. Wir gingen nicht allzuweit, aber wir konnten Grasböschungen hoch- und runterfahren wie Bergziegen auf Rädern. Eine grasbewachsene Böschung (es gibt sie schon lange nicht mehr), die sich über den gesamten oberen Teil von Boam`s Farm an der Back Lane erstreckte, war eine besonders beliebte Stelle für unsere „Trials“. Nicht überraschend war Micks jüngerer Bruder Barry der Star, aber – auch wenn ich das selbst sage – wir waren alle sehr nützlich!“ 5

 

  1. https://www.retrotrials.com/page-10-exclusive-mick-andrews-2014-interview.html am 27.09.2021
  2. Information John Stone vom 12.11.2021
  3. https://www.pressreader.com/uk/classic-trial/20181201/282634623674706 am 18.11.2021
  4. The Mick Andrews Book of Trials, Tom Beesley und Mick Andrews, hrsg. von Patrick Stevens 1976, S. 16-17. Die ersten siebeneinhalb Minuten des Yamaha-Videos: https://www.youtube.com/watch?v=V09zf7kfKKA wurden in dem Steinbruch von Burycliffe gedreht und geben einen Eindruck von dem Gelände
  5. John Stone: Mick Andrews – Motor Cycle Champion and Elton Legend, in: Elton Echo Nr. 35, S. 12-13. Online: https://eltonderbyshire.files.wordpress.com/2012/04/echo-issue-35-website.pdf am 26.09.2021