Windlesham Wheelers Trial in Bagshot Heath am 07.12.1947

British Library

Der Fund, den ich im Oktober 2018 in der British Library in London machte, ist sensationell. Zwar war eigentlich zu erwarten gewesen, daß das Fahrrad-Trial im Mutterland des Trialsports Großbritannien zuerst entstanden sein müsse, aber es hatten sich dafür nie Belege gefunden. Offenbar haben die Briten vergessen, daß es kurz nach dem Krieg dieses frühe Fahrrad-Trial gegeben hat. Sie haben das Fahrrad-Trial dann in den achtziger Jahren als „Trialsin“ von Pere Pi gebracht bekommen, der – seine Montesa-Geschäftsverbindungen nutzend – den Eurocup vorbereitete, der erstmals 1982 stattfand. Als ich im März 1981 die Redaktion von TRIALS & MOTOCROSS NEWS in Morecambe besuchte (die Redaktion lag im Obergeschoß eines Hutgeschäfts), die auch die Zeitschrift BMX NEWS herausbrachte, wußte man dort jedenfalls nichts vom Fahrrad-Trial und war überrascht, als ich ihnen Fotos aus Deutschland zeigte.

British Library St. Pancras

Der Veranstalter des Windlesham Wheelers Trial war kein unbekannter. Ich muß etwas ausholen: das erstmals 1914 ausgetragene Scott-Trial in den Yorkshire-dales ist heute ein Motorrad-Klassiker im Trialsport, der ebenso wie das erstmals 1909 veranstaltete Scottish Six Days Trial in Schottland noch heute existiert. Beide Veranstaltungen waren auch früher schon berühmt. Das Scott-Trial war und ist berüchtigt wegen seines selektiven Charakters, denn es geht auf einer sehr schweren Strecke auch gegen die Zeit. Nur der erste Fahrer im Ziel bekommt keine Zeitstrafpunkte – für jede Minute später im Ziel gibt es einen Strafpunkt. Hinzu kommen die Sektions-Strafpunkte. 1 Das Scott-Trial war immer ein gutes Trial, das in einem phantastischen Gelände stattfand und bei dem die Stilwertung gepflegt wurde und die Zeitwertung das Salz in der Suppe war. Nicht umsonst gilt das „Scott“ als so etwas wie das erste Motorrad-Trial, auch wenn die „Schottische“ ein paar Jahre älter ist. Einen entsprechenden Ruf hatten die Fahrer aus dieser Gegend.

Nun kam es zu einer Rivalität mit südenglischen Fahrern, die das nicht auf sich sitzen lassen wollten und 1924 das „Southern Scott-Trial“ in Camberley Heath südwestlich London veranstalteten, eben jener Heide, neben der auch Bagshot und Aldershot liegen (bekannte Namen im Motorrad-Trial) und auch Windlesham. Wegen des völlig anderen Geländecharakters dieser hügeligen und sandigen Heidelandschaft – beim Scott-Trial in Yorkshire hatte man felsige Bäche und schlammige Auffahrten – setzte man beim Southern Scott-Trial allein auf die Zeit. Zwei Runden wurden gefahren, mit einer Mittagspause dazwischen. Eine Stilwertung gab es nicht, der Schnellste hatte recht. Ich erwähne das hier deswegen, weil diese Veranstaltung zum Urvater des scramble wurde, was so viel wie „wilde Jagd“ oder „wildes Gebalge“ bedeutet – die Franzosen machten später die Bezeichnung Moto Cross daraus. 2

Jener Camberley Club war ein sehr rühriger Verein, der zahlreiche Aktivitäten entfaltete. Darunter auch das bicycle trial oder pedal cycle trial der Windlesham Wheelers 1947 auf der Heide bei Bagshot. Auf die personellen Überschneidungen mit dem Southern Scott Trial wird in dem Zeitungsartikel in THE MOTOR CYCLE, den ich nachfolgend übersetzt und im Originaltext (anklicken) wiedergebe, eingegangen. Dieses älteste bislang bekannte Fahrrad-Trial hat gute Aussichten, auch das erste Fahrrad-Trial überhaupt gewesen zu sein. Jedenfalls ist in dem entsprechenden Zeitungsbericht von einem „neuen Zeitvertreib“ die Rede. Es war keine kleine Veranstaltung, 52 Teilnehmer waren am Start. Darunter auch bekannte Namen aus dem Motorrad-Trial, wie im übersetzten Zeitungsbericht erläutert. Sicherlich trug auch der Benzinmangel kurz nach dem Krieg dazu bei, daß diese Leute, die ihr geliebtes Trial-Hobby nicht mit dem Motorrad betreiben konnten, dann eben in die Pedale traten. Bei dem in dem Zeitungsartikel als Vergleich herangezogenen Nicholson handelt es sich um Bill Nicholson, Gewinner des Scott-Trials 1949, 1950 und 1951, Gewinner des British Experts Trial 1950 und Gewinner des ACU Trials Star 1951 und 1952.

Windlesham Wheelers‘ Trial

Übersetzung eines Zeitungsartikels aus THE MOTOR CYCLE vom 18.12.1947, S. 484.

In den frühen 1920er Jahren war der Name A. B. Sparks der verwegenen Schar von Teilnehmern, die beim berühmten Southern Scott Scramble in der Bagshot-Heide mitfuhren, wohlbekannt (Sparks gewann die Veranstaltung von 1924 auf einer Scott mit 596 Kubikzentimetern Hubraum gegen Konkurrenten wie George Dance, Gus Kuhn, Harry Langman, E. Mainwearing, R. B. Budd, P. L. B. Wills und H. L. Grimes). Am 7. Dezember bezwang Sparks Sohn, der elfjährige John, auf praktisch demselben Gelände viele der etablierten Wettbewerbsfahrer des South East Centre, in dem er das hoch unterhaltsame Fahrrad-Trial der Windlesham Wheelers mit neun Strafpunkten (drei Füße) vor dem nächstbesten Ergebnis von 16 Punkten gewann. Es war eine überaus erfolgreiche Veranstaltung, ausgetragen in heiterster Atmosphäre und mit vielen bekannten Gesichtern in einem Starterfeld von nicht weniger als 52 heroischen „Tretern“. Zwei Runden mußten auf einer kurzen Strecke absolviert werden, deren vierte und sechste von acht beobachteten Sektionen vom Schwierigkeitsgrad her einem offenen Trial dieser Art gut zu Gesicht gestanden hätten. Die erste dieser beiden „harten Nüsse“ wurde von Jack Blackwell beaufsichtigt, dem „Southern Expert“ dieses Jahres, und der zeigte keine Nachsicht gegenüber den unglücklichen Teilnehmern, die sich durch tiefes Wasser kämpften, das das Hauptmerkmal dieses Hindernisses war. Nach einer vorherigen sorgfältigen Inspektion machte D. C. Hull den ersten erfolgreichen Versuch und bewältigte unter lautem Applaus die beiden Unterabschnitte. Aber es war der junge John Sparks, der geradezu demonstrierte, wie man eine solche Sektion angehen muß – den Rand des Wassers geschickt umfahrend und dann raus über rutschige Unebenheiten mit der ganzen Lässigkeit eines Nicholson.

Jüngere haben ihren Spaß

Demgegenüber hatten so berühmte „Rennfahrer“ wie Jim Cook und Jack Ballett (die beide am diesjährigen British Experts‘ Trial teilnahmen) hier und an anderen Stellen viele Strafpunkte zu beklagen. Die sechste Sektion war eine der steilsten Abfahrten, die es jemals bei einem Trial in Bagshot gegeben hat; gerade einmal zwei Teilnehmer blieben in der ersten Runde fehlerfrei. Die erfahrenen Gespannfahrer Neal und Savage kamen hier beide zum Stillstand – letzterer ganz plötzlich – und beide gingen die Abfahrt der nächsten Sektion mit großer Vorsicht an. Zwei herausragende Vorstellungen boten D. C. Hull und M. A. C. Birchnell, doch war Ballett hier vielleicht von allen am schönsten anzusehen. In der zweiten Runde gab es trotz der erschwerenden Abänderung einiger Sektionen im Durchschnitt bedeutend weniger Strafpunkte – vor allem bei den sogenannten „Experten“. Dieser Eindruck dürfte stimmen, denn als die Ergebnisse ausgewertet wurden, stellte sich heraus, daß die ersten vier Plätze von Jungens belegt wurden, die noch nicht alt genug für den Führerschein waren! Ganz ohne Zweifel wird dieser neue Zeitvertreib dem Sport letztendlich viele junge Talente zuführen und nicht nur von den Jungen war zu hören, daß sie noch nie so viel Spaß gehabt hätten. Sieger: J. Sparks (9 Strafpunkte). Preise erster Klasse: J. Bushby, 16 Strafpunkte; E. A. Alderton, 18 Strafpunkte. Preise zweiter Klasse: J. Derisley, 20 Strafpunkte; M. A. C. Birchnell und D. C. Hull, beide 21 Strafpunkte. Team-Preis: Jolly Farmer M. C. (Sparks und Bushby), 25 Strafpunkte.

 

  1. „An den Steilhängen und Wasserdurchfahrten werden Punktrichter postiert“ hieß es erstmals 1924, als die Sektionswertung zusätzlich zur älteren Zeitwertung beim Scott-Trial eingeführt wurde; THE MOTOR CYCLE, 4. September 1924, S. 349
  2. Wenn in Deutschland Motorradsportklubs in den fünfziger Jahren eine „Fuchsjagd“ veranstalteten, wurden dabei freilich keine Füchse mit dem Motorrad gejagd, sondern es dürfte sich um eine falsche Übersetzung des Worts „scramble“ gehandelt haben und man fuhr in Wirklichkeit Moto Cross